Bitte schauen Sie auch auf die Unterseite "Fluch und Segen - mein Buch". Dort gibt es immer wieder aktuelle Informationen. Danke!

HABEN ODER SEIN

Haben oder Sein Gedanken zu Erich Fromm in unserer Zeit – in Form einer persönlichen Variante/Nachdichtung des berühmten Hamletmonologs von William Shakespeare.

© Christopher Kerkovius, Verwendung und Veröffentlichung nur mit meiner ausdrücklichen Zustimmung und  bitte nur mit meinem Namen als Verfasser!

 

 

Haben oder Sein, das ist hier die Frage,

ob’s edler im Gemüt, dem Haben blind zu frönen, oder,

sich waffnend gegen eine See von Plagen

durch Widerstand sich denkend ganz dem Sein

zu widmen - und zu leben! Denken – Sein -

nichts weiter! – und zu wissen, dass mit dem Sein

viel Not und Elend dieses Daseins endet,

die unsers Fleisches Erbteil – ’s ist ein Ziel,

auf’s Innigste zu wünschen! Leben – Sein –

Leben! Vielleicht auch träumen! - Ja, da liegt's:

Denn was uns dann für Träume kommen mögen,

Wenn wir die Gier des Habens abgeschüttelt,

Das zwingt uns still zu steh’n. Das ist die Einssicht,

Die Haben wehrt, so sinnlos fort zu wirken!.

Denn wer ertrüg' der Zeiten Gier und Geißel,

Des Mächt'gen Druck, des Reichen Raffgier,

Versagter Nächstenliebe Pein, des Rechtes Aufschub,

Den Übermut der Ämter, und die Schmach,

Die der Profitgier Macht und Sieg erweist,

Wenn er zum Wandel sich entschließen könnte

Mit gutem Willen bloß! Denn wer ertrüg die Lasten,

Und der Armen Stöhnen unter Lebensmüh'?

Nur daß so oft die Furcht vor konsequentem Handeln

Uns hindert, uns zu wandeln. Das macht

Das wir die Übel, die wir seh’n und haben, lieber

Ertragen, als zu neuen Unfern geh’n.

So macht Gewissen Feige aus uns allen;

Der angebornen Farbe der Entschließung

Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;

Und unser Wandel jetzt von Haben hin zum Sein,

Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,

Verlieren so der Handlung Namen. -

 

 

Das Original von Shakespeare:

 

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage:

    Ob's edler im Gemüt, die Pfeil' und Schleudern

    Des wütenden Geschicks erdulden, oder,

    Sich waffnend gegen eine See von Plagen,

    Durch Widerstand sie enden. Sterben - schlafen -

    Nichts weiter! - und zu wissen, daß ein Schlaf

    Das Herzweh und die tausend Stöße endet,

    Die unsers Fleisches Erbteil - 's ist ein Ziel,

    Aufs innigste zu wünschen. Sterben - schlafen -

    Schlafen! Vielleicht auch träumen! - Ja, da liegt's:

    Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,

    Wenn wir den Drang des Ird'schen abgeschüttelt,

    Das zwingt uns still zu stehn. Das ist die Rücksicht,

    Die Elend läßt zu hohen Jahren kommen.

    Denn wer ertrüg' der Zeiten Spott und Geißel,

    Des Mächt'gen Druck, des Stolzen Mißhandlungen,

    Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub,

    Den Übermut der Ämter, und die Schmach,

    Die Unwert schweigendem Verdienst erweist,

    Wenn er sich selbst in Ruh'stand setzen könnte

    Mit einer Nadel bloß! Wer trüge Lasten,

    Und stöhnt' und schwitzte unter Lebensmüh'?

    Nur daß die Furcht vor etwas nach dem Tod -

    Das unentdeckte Land, von des Bezirk

    Kein Wandrer wiederkehrt - den Willen irrt,

    Das wir die Übel, die wir haben, lieber

    Ertragen, als zu unbekannten fliehn.

    So macht Gewissen Feige aus uns allen;

    Der angebornen Farbe der Entschließung

    Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;

    Und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,

    Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,

    Verlieren so der Handlung Namen. -

 

[Shakespeare: Hamlet, Prinz von Dänemark, S. 94. Digitale Bibliothek Band 89: Die Bibliothek der Weltliteratur, S. 62158 (vgl. Shakespeare-Schlegel/Tieck Bd. 4, S. 316-317)]

 

Diese Nachdichtung von mir wurde sowohl in die Novemberausgabe 2016 des online Kulturmagazins eXperimenta, S. 76, als auch in das alljährlich erscheinende FROMM FORUM 2017, S. 108, aufgenommen, ein Jahresheft der Internationalen Erich Fromm Gesellschaft!

Unsere Flucht von Januar 1945 - Juni 1946

Die Flucht – ein düsteres Kapitel in unserer Familiengeschichte.

 

Ein Bericht von Christopher Kerkovius ©2015 >>> Copyright unbedingt beachten, geht es hier doch um einen sehr persönlichen Bericht!

 

Vorbemerkung:

 

Am 17./18. Januar 2015 jährt sich der Beginn unserer fürchterlichen Flucht aus dem so genannten „Warthegau“ nach Usingen im Taunus zum siebzigsten Mal. Im Juni dieses Jahres, des Jahres 2016 jährt sich das Ende unserer Flucht nach fast anderthalb Jahren auch zum siebzigsten Mal! Das scheint mir fürwahr eines tiefer gehenden Gedenkens wert. Ich entstamme einer alten baltendeutschen Familie, väterlicherseits aus Lettland, genauer aus Riga und Umgebung und mütterlicherseits aus St. Petersburg. Am 20. November 1944 wurde ich im Warthegau geboren, war also zu Beginn unserer Flucht noch nicht ganz zwei Monate alt! Und diese schreckliche Flucht dauerte fast eineinhalb Jahre! Die Genauigkeit dieser Schilderungen verdanke ich ausführlichen Tonbandaufzeichnungen, die ich von den Lebenserinnerungen meiner 1908 in St. Petersburg geborenen Mutter etwa 1988/89 gemacht hatte! Der folgende Bericht ist ein kleiner, für diesen Bericht überarbeiteter Auszug aus meinen eigenen Lebenserinnerungen, die ich mit einem kurzen Abriss der jeweiligen Familiengeschichte meiner beiden Eltern begonnen habe, denn auch ich bin ein Teil davon.

 

1939 mussten die Baltendeutschen im Zuge des verbrecherischen Paktes zwischen Hitler und Stalin ihre Heimat unfreiwillig verlassen und wurden nach Polen, in den sogenannten "Warthegau" um­gesiedelt. Diese beiden Verbrecher teilten sich Polen auf. Westpolen kam zu Deutschland, das aber unter der Bedingung, dass Hitler die Baltendeutschen aus Lettland und Estland nach Westpolen umsiedelt, um den Sowjets in den Baltischen Staaten freie Hand zu gewähren. Ostpolen kam dabei zur UDSSR. Diese Umsiedlung bedeutete für die meisten baltendeutschen Familien die Aufgabe einer teilweise über fünfhundertjährigen Familiengeschichte und Verwurzelung mit und in diesem Land. Bei vielen älteren Verwandten und Bekannten aus dem Baltikum merkt man diese Verbundenheit bis heute, und sie ist oft auch mit einer tiefen Wehmut verbunden. Ich kenne viele, die es nicht geschafft haben, nach dem Krieg die alte Heimat zu besuchen. Als nun die Baltendeutschen durch die verheerenden Folgen der 2. Weltkrieges auch noch den Warthegau durch Flucht verlassen mussten, haben sie sich dann nicht nur über Rest-Deutschland, sondern über die ganze Welt verteilt. Selbst aus meiner unmittelbaren Verwandtschaft sind einige nach Kanada, in die USA, nach Südamerika, Südafrika, Australien, Neuseeland, nach Österreich, in die Schweiz, nach Belgien und nach Schweden ausgewandert. Umso erstaunlicher ist es, dass zu unseren alle zwei Jahre stattfindenden Familientreffen immer noch einige aus diesen Ländern mit dabei sind.

Für die Familie meiner Mutter jedoch hieß diese Umsiedlung in den Warthegau schon zum zweiten Mal, alles Er­worbene aufzugeben und in eine ungewisse Zukunft aufzu­bre­chen, denn bereits 1920/21 hatten sie ihr großes Haus und ihr meistes Hab und Gut im Zentrum von St. Petersburg zurücklassen müssen, um dem brutalen Terror der Bolschewiken zu entkommen. Und für uns Bal­tendeutsche mussten wiederum hunderttausende von Po­len ihr Hab und Gut aufgeben und dies uns überlassen, teils sogar auf ihren eigenen Gütern als Knechte arbeiten - das soll hier nicht unerwähnt bleiben. Das alles waren einige der Auswirkungen der Machenschaften dieser selbstherrlichen und menschenverachtenden Verbrecher – nämlich von Hitler und Stalin, die im weiteren Verlauf des Jahrhunderts noch so unendlich viel Leid und Tod über die Menschheit bringen sollten. Auch unserer Familie wurde ein polnisches Gut zugewiesen. Es hieß Goraj, oder zu Deutsch: Gut Bergen, wo auch meine Schwester und ich geboren wurde und liegt etwas nördlich von Kolo, das während der Besatzungszeit Warthbrücken hieß und ziemlich genau in der Mitte zwischen Posen und Warschau.

Das Kriegsgeschehen am Ende des II. Weltkrieges eskalierte zusehends. Die deutsche Wehrmacht hatte den Krieg bereits defacto verloren und befand sich auf einem teilweise schon chaotischen Rückzug. Die russische Front rückte näher, eine Flucht wurde somit un­ausweich­lich. Am 17./18. Januar 1945 schließlich, viel zu spät, wie sich später in schreck­licher Weise her­ausstellte, zogen wir los nach Westen, anfangs noch mit einem Pferde­ge­spann und dem wichtigsten Hab und Gut, in einen bitterkalten Winter und in eine höchst ungewisse Zukunft hinein. Die Familie meiner Mutter musste jetzt tat­sächlich zum dritten Mal in ihrem Leben und in diesem irrsinnigen Jahrhundert alles aufgeben und wieder in eine noch weit ungewissere Zukunft aufbrechen, eine Zukunft, die uns schon bald in schrecklichste Not, in Leid und Elend stürzte und am Ende sogar zum Tod unserer Großmutter führte! Unser Ziel für eine doch unvermeidliche Flucht war Usingen im Tau­nus bei Frankfurt am Main, wo­hin die Fami­lie des Bruders meiner Mutter, Harald An­derson, aus Frankfurt "ausgebombt" war. Harald Anderson hatte bereits vor dem Krieg in Karlsruhe Chemie studiert und danach eine Anstel­lung bei der DEGUSSA in Frankfurt be­kommen.

Wir, das waren meine Mutter und Großmutter, meine zweieinhalbjährige Schwester und ich, machten uns also auf den Weg. Meine Großmutter, die defacto unser Familienoberhaupt war, wollte zuerst gegen jede Vernunft in Richtung Ostpreußen ziehen, da sie hoffte, dort noch mit Freunden zusammenzutreffen. Das erwies sich aber bald als reiner Wahnsinn! Und so wendeten wir uns erst dann nach Westen, als sie merkte, dass nach dorthin kein Durchkommen mehr war. So verloren wir die entscheidende Zeit, um noch rechtzeitig vor der heranrückenden russischen Front über die Oder nach Westen zu entkommen, was, wie sich bald zeigen sollte, verheerende Folgen für uns alle haben sollte. Bald schon wurden wir nämlich von der sowjetischen Front über­rollt, verloren unser Pfer­dege­spann und fast alles Hab und Gut – es wurde uns, wie sich leicht denken lässt, von russischen Soldaten genommen - bis auf ein paar wenige Wertsachen und Er­inne­rungsstücke, die noch schnell in Kleidungsstücke eingenäht wurden.

In Hohenwalde im Kreis Landsberg an der Warthe waren wir gerade notdürftig in einem Gutshaus untergekommen, es war Ende Februar 1945 und bitterkalt, als nachts die sowjetischen Truppen hier ankamen und dieses Herrenhaus einfach in Brand steckten. So mussten wir unsere gerade gefundene Unterkunft wieder fluchtartig räumen. Meiner damals noch nicht ganz dreijährigen Schwester haben sich dieses Bild und diese schreckliche Situation als traumatisches Fanal tief eingeprägt. Noch in ihrer späten Pubertätszeit ist sie immer wieder einmal von diesem Schreckensbild - frierend und vor Angst zitternd in eisiger Winternacht vor dem brennenden Schloss stehend - aus dem Schlaf, aus quälenden Albträumen herausgerissen worden.

Am 1. März 1945 wurden wir von einer noch schrecklicheren persönlichen Katastro­phe heim­gesucht: Wir waren gerade in Hohenwalde notdürftig bei einer Bäuerin unter­gekommen, nachdem wir aus dem brennenden Gutshaus hatten fliehen müssen. Diese hatte entgegen den Er­lassen der sowjetischen Besatzer ein Schwein geschlachtet und sollte von zwei sowjetischen Sol­daten, von einem etwa 40-jährigen und einem jungen etwa 18-jährigen, die sich als Kommandanten ausgaben und auch aufführten, im Keller ihres Hauses erschossen werden. Meine Groß­mutter wurde, weil sie mit ihren Rus­sischkenntnissen zwischen der Hausherrin, die übrigens eine sehr unangenehme Person gewesen sein sollte und den Solda­ten zu vermitteln ver­suchte, deshalb gleich mit erschossen. Meine Mutter war nicht anwesend, denn sie wusch gerade für sowjetische Offiziere Wäsche, um für uns etwas zu essen zu bekommen. Die Bäuerin überlebte, weil der Schuss nicht tödlich war und sie sich aber so­gleich tot stellte. Durch sie und die anderen Mitbewohner erfuhr sie die schrecklichen Einzelheiten. Meine Schwester erinnert sich noch, daß diese beiden Männer uns nach dieser Tat noch eine Hand voll Zucker gaben - die Rus­sen sind ja als sehr kinderlieb be­kannt --- .

Meine Mutter, die bis dahin eine gut behütete "Tochter aus gutem Hause" war und eine besonders innige Beziehung zu ihrer Mutter hatte, war durch diesen schreck­li­chen Schicksalsschlag bis in die tiefsten Winkel ihrer Existenz getroffen und erschüttert, ja geradezu vernichtet. Zudem war sie mit einem Mal ganz auf sich allein gestellt und hatte auch noch al­lein die Verant­wor­tung ihre beiden Kinder. Später gestand sie mir einmal, daß sie in ihrem ersten Entsetzen über den Tod ihrer über alles geliebten, ja geradezu vergötterten Mutter und auch aus der Furcht, ohne sie der nun alleine auf ihr lastenden Verantwortung für sich und ihre beiden Kinder nicht gewachsen zu sein, ziemlich nahe daran war, uns beide und sich umzu­bringen. Es scheiterte unter anderem auch daran, daß sie nicht wusste, wie sie das anstellen sollte. Ein Gespräch mit einem sehr warmherzigen und einfühlsamen russischen Soldaten hatte ihr dann doch noch ernsthaften Trost gespendet und sie wieder zur Besinnung kommen und sie quasi ins Leben zurückkommen lassen.

Diesem besonderen Ereignis gebührt eine nähere Beschreibung, zeigt es doch auch die andere Seite der russischen Seele. Dieser Soldat also, der ein einfacher, gläubiger, russischer Bauer war, fand meine Mutter weinend vor, mit meiner Schwester auf dem Schoße sitzend und mit mir davor im Kinderwagen. Er fragte sie, warum sie denn so bitterlich weine und ob sie denn nicht wüsste, was für ein Tag heute sei. An dem dürfe man doch nicht weinen, sondern man müsse Gott aus tiefster Seele danken und sich freuen. Sie erzählte ihm ihre Not und Verzweiflung und was vorgefallen sei. Und sie sagte, daß sie nicht wüsste, was für ein besonderer Tag denn sei. Er sagte ihr daraufhin, trotz seines Verständnisses für ihren Kummer, dass Ostern sei, Tag der Auferstehung des Herrn, ein Tag unbeschreiblicher Freude - Christos was kres/Christus ist auferstanden. Mit diesem alten russischen Ostergruß hatte er ihr ins Gewissen geredet und sie zu trösten versucht und aufgerüttelt, und ihr fast vorgeworfen, daß sie hier sitze, auch noch mit einem so schönen kleinen Kind auf dem Schoß und weine. Danken solle sie Gott für jeden Tag, der ihr geschenkt werde und noch mehr danken für die Kinder, die ihr geschenkt und anvertraut seien. Danken solle sie auch dafür, daß jeden Tag von neuem die Sonne wieder aufgehe, daß die Blumen wieder blühen und die Vögel wieder singen werden, und danken solle sie vor allem dafür, dass Christus der Herr für unsere Sünden gestorben und wieder auferstanden sei. Noch bis zu ihrem Tode im Januar 2002 hatte meine Mutter diese Ansprache eines einfachen russischen Bauern als die großartigste Osterpredigt ihres Lebens im Gedächtnis! Und sie betonte, daß diese ihr wirklich den entscheidenden Antrieb zum Durchhalten und Weiterleben und neue Zuversicht gegeben habe. Besonders hervorgehoben hat unsere Mutter in diesem Zusammenhang auch den Umstand, daß dieser Soldat nichts weiter von ihr wollte, als ihr einfach Mut und Trost zuzusprechen. Das nämlich war in diesen ersten Zeiten der russischen Besetzung nicht gerade selbstverständlich, denn Raub, Mord und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Ihre Mutter, unsere Großmutter wurde an einem Waldrand begraben.

Unsere Mutter hat sich dann doch noch aufge­rafft. Sie hat sich mit uns durchgekämpft durch noch unendlich viele Ge­fahren und Entbeh­rungen in Not. Elend und Krankheit. So haben wir uns schließlich doch noch über Lands­berg an der Warthe, Küstrin, wo wir im Winter 1945/46 über die zugefrorene Oder gelangten, Finsternwalde, Berlin und Lehrthe bei Hannover bis nach Usingen im Taunus durchge­schlagen. Dort kamen wir nach all diesen extremen Wirren und Katastrophen erst Ende Mai, Anfang Juni 1946, nach fast eineinhalb Jahren an. Als besonders erschreckend schilderte uns Mutter den Anblick von Küstrin, ein wichtiger strategischer Brückenkopf an der Oder, wo quasi kein Stein mehr auf dem anderen lag. Aber auch Berlin, diese einst so große und prächtige Stadt, die sie von ihrer Deutschlandreise vor dem Kriege her kannte, lag in Trümmern. Straßenfluchten auf Straßen­fluchten lagen in Schutt und Asche, oder standen als hohläugige Ruinen da. Nicht anders sah es dann auch in Frankfurt am Main aus, eine der vor dem Krieg grandiosesten und am besten erhaltenen mittelalterlichen Altstädte Deutschlands, das sie gleichfalls von dieser Deutschlandreise her kannte

Unterwegs soll ich mehrmals an Hunger und verschiedenen schweren Erkrankungen fast gestorben sein, da meine Mutter mich ihrer ei­genen Ent­behrungen wegen schon bald nicht mehr hatte stillen können. Ich soll ausgesehen ha­ben, wie die Kinder auf den Plakaten für "Brot für die Welt" mit Hungerödemen, hohläugig und nur noch aus Haut und Knochen bestanden haben. Ich verdanke mein Über­leben neben dem großen Durchhaltevermögen meiner Mutter auch zweier Caritas-Schwestern in Landsberg an der Warthe. Diese hatten uns quasi auf der Straße aufge­sammelt und uns und besonders mich schon fast sterbenden Säugling mit großer aufopfernder christlicher Nächstenliebe und Fürsorge langsam wieder "aufgepäppelt". Meine Mutter war kurz zuvor mit mir bei einem Arzt gewe­sen, der ihr gesagt hatte, er könne für mich nichts mehr tun, sie solle noch ein paar Tage lieb zu mir sein, dann sei es überstanden.

Schließlich gelang es uns dann, nachdem man mich dort einigermaßen aufgepäppelt und transportfähig gemacht hatte, endlich in Richtung Berlin weiter zu kommen. In der Zwischenzeit hatte sich meine Mutter mit einer sehr lieben anderen Flüchtlingsfrau, die sehr tatkräftig, stark und lebenspraktisch war, zusammengetan. Dies führte gelegentlich aber auch zu längeren Aufenthalten an einem Ort, wo man etwas zu Kräften kommen wollte. Sie war eine große praktische und moralische Hilfe für uns, der meine Mutter bis zu ihrem Lebensende zu tiefst dankbar gewesen ist, wenngleich sich die Wege dann getrennt und die Spuren verwischt haben. Leider hat unsere Mutter nicht die Initiative aufgebracht, nach der Flucht, als wir endlich in Usingen wieder in halbwegs sicheren Verhältnissen, wenn auch in großer Armut leben konnten, zu dieser Frau und Freundin Kontakt aufzunehmen, denn sie hatte ihre, diese aber nicht unsere Adresse. Mutter hatte sich in späteren Jahren oft bittere Vorwürfe deshalb gemacht, und zu Recht, wie ich meine. Immerhin ist solch eine Notgemeinschaft in solch einer Zeit, die ihren Erzählungen zufolge ganz offensichtlich auch freundschaftlichen Charakter angenommen hatte, eine gar nicht hoch genug zu bewertende Lebenserfahrung und ein besonderes Glück, ein wahrer Trost und ein Lichtpunkt in solch schrecklichen Zeiten!

Als langsam die Post wieder zu funktionieren begann, schrieb meine Mutter an ihren Bruder Harald mit der Bitte, uns eine Zuzugsgenehmigung in Usingen/Ts, dem Ort wo er zu der Zeit mit seiner Familie wohnte, zu erwirken. Als diese dann schließlich tatsächlich ankam, sind wir über Berlin bis nach Lehrte bei Hannover gekommen. Dort wurde ich wieder so schwer krank, daß ich ins dortige Krankenhaus gebracht werden musste. Mutter und Marianne wohnten so lange in der Bahnhofsmission, wo sie außerordentlich liebevoll behandelt und versorgt wurden. Erst nach gut zwei Wochen war ich wieder so weit hergestellt, daß an eine Weiterfahrt nach Usingen gedacht werden konnte. Meine Mutter bat nun ihren Bruder Harald in einem Brief inständig, nach Lehrte zu kommen und uns abzuholen, da in den Zügen zu der Zeit chaotische Zustände herrschten und sie Angst hatte, alleine mit uns beiden Kleinkindern und ihren wenigen Habseligkeiten diese Reise zu unternehmen. Harald kam tatsächlich nach Lehrte, und wir fuhren dann gemeinsam über Frankfurt/Main nach Usingen. Dort trafen wir dann bei der Familie von Harald Anderson ein. Seine Familie, die zu der Zeit aus seiner Frau Annegret, einer später sehr geliebten Tante von mir und ihren beiden damals sieben und drei Jahre alten Kindern bestand, war aus Frankfurt/M ausgebombt worden und in so Usingen gelandet. Mein Vater war zu der Zeit noch in Gefangenschaft. Wir lebten in Usingen in der Bahnhofstraße in einer großen, aber sehr einfachen Wohnung zusammen. Eine gemeinsame Toilette befand sich im Treppenhaus. Ein Bad gab es natürlich nicht.

Mit Lehrthe verband sich für meine Mutter noch ein besonders traumatisches Bild und Erlebnis: Wir kamen dort auf dem Güterbahnhof von Berlin aus an. Zum eigentlichen Bahnhof müssten wir erst über zahlreiche Gleise steigen. Das aber war für meine Mutter mit mir im Kinderwagen und meiner noch kleinen Schwester und den in einem Sack befindlichen „Habseligkeiten“ schlicht unmöglich. So stellte Mutter den Kinderwagen und den Sack zwischen zwei Gleise und ließ sich Marianne daneben stellen und schärfte ihr ein, sie müsse jetzt hier bleiben, was auch kommen möge und sich nicht von der Stelle bewegen. Sie würde in den Bahnhof gehen und jemanden zur Hilfe suchen. Gesagt, getan, Mutter ging los und wir blieben zwischen den Gleisen. Als Mutter den Bahnsteig erreicht hatte hörte sie plötzlich schreckliches Geratter und Gezische. Von beiden Seiten kamen zwei lange Güterzüge, und zwischen den beiden Zügen entschwanden wir ihren Blicken. Unsere Mutter ist vor Entsetzen fast gestorben. Aber als die Züge vorbei waren, stand dort die kleine Marianne, brav wo sie hingestellt war, mit mir und den Sachen. Sie hatte sich tatsächlich nicht von der Stelle gerührt, komme da, was da wolle! Ist das nicht unvorstellbar? Sie hätte ja in Panik weg und unter Umständen in ihr Verderben rennen können, man könnte sich jetzt die schrecklichsten Horrorszenen ausmalen, aber unsere liebe, kleine, brave Marianne stand dort, wo sie hingestellt war! Was wohl in diesem armen kleinen Kind vor sich gegangen sein mochte, während von beiden Seiten die Züge als riesige Ungeheuer auf sie zugefahren kamen!? – Schließlich fand sich ein freundlicher Mann, der meiner Mutter half, Kinderwagen und Sack sicher auf den Bahnsteig zu bringen und damit auch die arme Marianne aus dieser schrecklichen Lage zu befreien.

Trotz dieser zuvor geschilderten schrecklichen und uns auch durch Russen zugefügten Gräuel, die wir haben durchmachen müssen, soll hier hervorgehoben werden, dass unsere Mutter uns immer ausdrücklich klar gemacht hatte, daß nicht  d i e  bösen Russen un­sere Großeltern ermordet hatten, sondern daß es einzelne böse Russen, oder noch deutlicher, einzelne böse Menschen gewesen wa­ren. Überhaupt sind wir sehr unkompliziert, gastfreundschaftlich und offen gegenüber allen Fremden erzogen wor­den. Wenn beispielsweise die Schwarz­meerkosaken einmal wieder in Usingen zu Gast waren, haben wir immer wieder ei­nige von ihnen aufge­nommen. Auch war es ganz of­fensichtlich ein großes Vergnügen für unsere Mutter, dadurch wieder einmal ihr geliebtes Russisch sprechen zu können. Wenn ich später von meinen großen Tramptouren irgendwelche fremde junge Menschen, welcher Hautfarbe, Religion oder Nationalität auch immer, mitbrachte - oft auch völlig unangemeldet - sie empfand es immer als Bereicherung. Das sitzt tief und hat auch uns alle drei zu offenen, gastfreundlichen Europäern und Kosmopoliten gemacht, wofür wir ihr gar nicht genug danken können.

Unsere Mutter ist immer eine große Dulderin gewesen, aber kein sehr tatkräftiger, initiativer Mensch. Ich denke heute, daß auch das wohl mit ein Grund dafür gewesen sein wird, dass unsere Flucht und damit auch unsere schrecklichen Entbehrungen auch des Notwendigsten so übermäßig lange gedauert hatten. Nach vielen anderen Berichten auch aus unserer zahlreichen Verwandtschaft, die ja auch alle aus dem Warthegau haben fliehen müssen, stellte sich heraus, daß deren Flucht zwischen ein und vier Monate gewährt hatte. Hinzu kommt bei uns natürlich, daß meine Mutter durch das Trauma der Ermordung ihrer Mutter erst völlig gelähmt war. Zudem haben die schrecklichen Entbehrungen und der dadurch bedingte fast fortwährende Hunger besonders bei mir, dem Säugling, insbesondere noch in Verbindung mit dem besonders kalten Winter 1944/45, zu schwersten, mehrmals auch lebensbedrohlichen Erkrankungen geführt, die zu zusätzlichen längeren unfreiwilligen Aufenthalten führten. Zudem waren wir ja auch noch zu allem Überfluss schnell hinter die russische Frontlinie geraten, was ein zügiges Weiterkommen ohnehin noch zusätzlich erschwerte.

 

Hier soll zum Abschluss noch eine Textpassage einfügt werden aus dem wirklich lesenswerten Erinnerungsbuch von Harald Anderson, 1903 - 1994, dem Bruder meiner Mutter, daß den Titel trägt: “Ein Reisender durch das Jahrhundert”, erschienen 1986/7 im Salzer Verlag, Heilbronn. Er hat tatsächlich, wie meine Mutter auch, das Jahrhundert fast völlig durchlebt und durch seine beson­dere Herkunft aus St. Petersburg und besonders aber auch durch seine berufliche Karriere, die ihn teilweise noch stärker in das Zeitgeschehen einbezogen hatte, als unsere Mutter und es ihn somit noch anders hatte erleben lassen. Er hatte, wie auch meine Mutter, die Zeit der ersten Autos und der ersten Telefone bis hin zur Mondlandung und zur Jupiter-Mission und die Entwicklung der digitalen Medien der modernen Informationsgesellschaft erlebt. Sie haben das russische Zarenreich, die Russische Oktoberrevolution, den Bolschewismus, die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die beiden Weltkriege, die Teilung Deutschlands, den Aufbau der Bundesrepublik, das Wirtschaftswunder, das Zu­sammenwachsen Europas und den Zerfall des Sowjetimperiums und die Wiedervereinigung Deutschlands, ja selbst die Rückbenennung ihrer geliebten Vaterstadt von Leningrad in St. Petersburg erleben dürfen. Eine innere Verbundenheit mit dieser Stadt hatte sich offensichtlich bei beiden bis zu ihrem Lebensende erhalten. Ein Kapitel in seinem Buch ist überschrieben mit: “Der Mord an meiner Mut­ter”. Wenngleich er dieses schreckliche Ereignis nicht selbst miterlebt hat und seine Kenntnis davon “nur” aus späteren Erinnerungen und Erzählungen meiner Mutter stammten, so scheint es mir interessant, diesen Ab­schnitt neben meinen gleichfalls subjektiven Bericht zu stellen, der ja auch nur Wiedergabe von Erzähltem ist:

 

„Ich war in großer Sorge wegen meiner Mutter und meiner jüngeren Schwester Inge, die eine Tochter von zwei Jahren und einen Sohn von erst zwei Monaten hatte. Ihr Mann, Thomas Kerkovius, war im Felde.

Meine Schwester hatte mit den Kindern bei unserer Mutter auf dem Gut im Warthegau gewohnt. Seit ich Berlin verlassen hatte, war ich ohne Nachrichten von ihnen und wußte nicht einmal, ob es ihnen rechtzeitig gelungen war, aus dem Warthegau her­auszukommen.

Es wurde Herbst, bis ich schließlich einen Brief von meiner Schwester erhielt mit der Bitte, ihr eine Zuzugsgenehmigung zu schicken. Kurz darauf holte ich sie  und die beiden Kinder ab. Meine Mutter war in der Nähe von Landsberg an der Warthe von einem russischen NKWD-Funktionär ermordet worden.

Meine Schwester und die beiden Kinder befanden sich in einem elenden zustand, als ich sie traf. Ihre Erlebnisse waren, auch gemessen an den schweren Schicksalen der deutschen Flüchtlinge aus dem Osten, besonders schlimm. Es soll deshalb nur weni­ges berichtet werden.

Der Treck begann zu spät, am 18. Januar 1945, mit einem großen Planwagen, zwei Pferden davor und zwei jungen, guten Reservepferden. Der polnische Kutscher Ma­surek und der Verwalter Kongork kamen mit und haben sich auf dem Treck mehrerer Tage sehr loyal verhalten, bis sie schließlich zurück mußten. Daraufhin kut­schierte meine Schwester, aber nicht mehr lange. Zuerst wurden die Reservepferde und die Lebensmittel von zwei russischen Freiwilligen in Wehrmachtsuniform ge­raubt.

Es gab auf der Flucht auch unauslöschliche, grelle Bilder. Die Trecks, tote Kinder am Straßenrand. Meine Angehörigen gerieten in ein Gefecht. Deutsche Truppen in wilder Flucht. Einschläge in einem Wald, krachende Bäume. Sie flüchteten weiter, kamen unter in dem Gutshaus von Hohenwalde in der Nähe von Landsberg an der Warthe. In der Nacht waren die Russen da. Alle wurden aus dem Haus getrieben, das darauf angezündet wurde. Rotarmisten witzelten: “Zu wenig Kugeln für die Deut­schen.”

In der selben Nacht wurde der Planwagen mit dem gesamtem Gepäck und den beiden Pferden geraubt. Meine Schwester fand einen einzigen Koffer auf der Straße. Er war leer. Nun hatten sie nichts mehr.

Ein betrunkener Rotarmist mit einer Maschinenpistole machte sich an meine Schwester heran und wollte sie zwingen, mit ihm in einen Stall zu gehen. Meine Mut­ter schob ihre Tochter beiseite und herrschte sie an, sie solle fortgehen. Dann ging sie mit dem Rotarmisten in den Stall. Als sie wiederkam, sagte sie zu meiner Schwe­ster:

“Vieles, alles, kann man abwaschen, nur innerlich muß man rein bleiben.”

In der nächsten Zeit hatten es die Frauen sehr schwer. Drei wurden im Dorf erschos­sen.

Meine Familie fand schließlich eine private Unterkunft in der zum Gut gehörenden Siedlung. Die Wirtin war eine sehr unangenehme Frau. Sie sagte gehässig: “Ihr seid ja bessere Leute. Jetzt seht ihr es.”

Auch ein NKWD-Funktionär - er wurde Kommandant genannt - hatte sich in dem Haus einquartiert. Einmal rief er die Bewohner zu einer Gerichtssitzung, die er und sein Kumpane abhalten wollten. Er war betrunken und wollte mit meiner Schwester, die krank war und Fieber hatte, tanzen. Meine Mutter schaltete sich ein. Ihre Tochter sei krank, er möge sie bitte in Ruhe lassen. Der Kommandant spuckte darauf meiner Mutter ins Gesicht. Sie wischte sich ihr Gesicht mit dem Taschentuch ab und nahm meine Schwester mit.

Ein anderes Mal zwang der NKWD-Mann - er war wieder betrunken - meine Schwe­ster mit der Pistole, in den Keller zu gehen, in dem es ganz dunkel war. Meine Schwester berichtete: “Und dann spielten wir wieder unser Spielchen. Ich wich leise, auf Zehenspitzen aus, er versuchte mich zu haschen. Doch dann gewann ich die Tür und entkam.”

Eines Tages kam meine Schwester nach Hause, sie hatte für die Russen Wäsche ge­waschen. Meine Mutter war nicht da. Bewohner erzählten ihr, was geschehen war. Der Kommandant hatte sich über die Wirtin geärgert. Sie sollte im Keller erschossen werden. Meine Mutter trat für die Wirtin ein und redete dem Kommandanten russisch ins Gewissen.

“Gut dann kommen Sie mal in den Keller.” Meine Mutter musste gehen. Sie tat es mit einem leichten Lächeln, wie berichtet wurde. Dann knallte der Schuss. Sie wurde in einer Kiste mit einem Deckel am Waldrand begraben. .......

Nach dem Tod meiner Mutter kamen meine Schwester und ihre beiden Kinder in großes Elend. Ich sträube mich, es zu beschreiben. Die Bevölkerung und die anderen Flüchtlinge waren meist nicht hilfreich. Ihr wurde nahezu das Letzte, auch der Win­termantel, gestohlen. Der wenige Monate alte Christopher war sehr stark unterernährt und litt an Brechreiz und konnte nichts mehr bei sich behalten. Es ist fast ein wunder, daß meine Schwester beide gefährdeten Kinder durchgebracht hat. Sie sind in der Zwischenzeit erwachsen, haben ihr Studium beendet und sind wertvolle Menschen geworden. ......“

 

 

Soweit der Bericht von Harald Anderson, der gewissermaßen eine interpretierende Erinnerung von Berichten meiner Mutter ist, nicht anders wie der meine auch. Einiges ist faktisch nicht ganz richtig, wie ich aus den Berichten meiner Mutter weiß. Aber das ist uner­heblich, denn er wirft dennoch ein grelles Schlaglicht wieder auf die Schrecken der Flucht im Allgemeinen, was ja heute wieder geradezu exemplarische Bedeutung erhält - und auf unser Schicksal im Besonderen. Ich habe ja, wie schon berichtet, Ende der Achtziger Jahre meine Mutter gottlob dazu bewegen können, auf Tonband ihre Lebenserinne­rungen zu sprechen, nachdem sie sich nie hatte aufraffen können, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben. So habe ich ein wahr­haft authentisches Dokument auch von diesen schrecklichen Begebenheiten erstellen können. Darüber hinaus sind auch die Erinnerungen an die Petersburger Kindheit noch authentische Erinnerungen an das „Alte Rußland“, an die Oktoberrevolution, an das Baltikum mit seiner wechselhaften Geschichte, an das Leben der deutsch-baltischen Oberschicht, an die Umsiedlung, an Flucht und Vertreibung, sowie an die erste Zeit im besetzten Deutschland. Aber hier endet ihr Bericht. Für den Rest muss ich, soweit sie mir zugänglich sind, die Erinnerung meiner Schwester und der älteren Tochter von Harald Anderson heranziehen. Zusammen mit dem Buch ihres Bruders sind das meines Erachtens unschätzbar wertvolle Zeugnisse gelebter Geschichte des 20. Jahrhunderts, sind es doch authentische Berichte von „unten“, und nicht „nur“ akademische Geschichtsschreibung aus der objektivierenden und wissenschaftlichen Distanz.

Landschaft der Stille

Christopher Kerkovius

 

Landschaft der Stille

 

Impressionen und Reisetagebuchnotizen aus der Landschaft des Nordens in Wort und Bild

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Text und Fotos von

Dipl. Ing. Christopher Kerkovius – Architekt, Bau- und Kunsthistoriker, Fotograf und Autor
Am Teich 3 – 18445 – Kramerhof/Stralsund – Tel.Fax.:03831/393993
E-mail: chriskerkov@mail.de / www.fotokunst-kerkovius.de

 

 

Zum Geleit

 

Lieber Christopher, mein guter alter Freund,

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich deinen Reisebericht aus Schweden gelesen. Die Schönheit und Ruhe in den Weiten der Wälder Schwedens wurde oft in Reiseprospekten beschrieben. Der Reisebericht von Christopher Kerkovius unterscheidet sich jedoch erheblich von diesen Verlautbarungen zur Ankurbelung des Tourismus nach Schweden. Tief berührt werden die Menschen angesichts dieses Bekenntnisses zur Natur in seiner Urform. Hier beschreibt ein zutiefst verletzter Mensch, der Welt mit all ihren Lügen und Grausamkeiten überdrüssig, die unendlichen Weiten der schwedischen Wälder und Seen. Er entflieht dieser schmutzigen Welt und findet dort sein seelisches Gleichgewicht wieder. Der Leser saugt diesen Bericht förmlich in sich auf und siehe da, schon beim Lesen überträgt sich die Sensibilität des Autors auf ihn selbst. Die vom Autor gemachten Fotos der Unberührtheit der Landschaft sind von so best echender Schönheit und Schlichtheit, dass sie bei eingehender Betrachtung eine solche Ruhe und Frieden ausstrahlen, wie man das selten erfühlen kann. Sie rühren den verletzten Menschen zu Tränen und erwecken eine unstillbare Sehnsucht eines jeden Individuums nach Ruhe, Frieden und die Rückkehr in das EINS mit der Natur. Dieser Reisebericht verdient das Prädikat BESONDERS WERTVOLL !

Alles Liebe und Gute

Dein Freund Rainer

 

dit Monsieur Rainer

Journaliste / Ecrivain

Adhérent et supporter Reporters sans frontières

 

 

Vorbemerkung

 

Dieser kleine Aufsatz, eine Impression in Wort und Bild aus der geliebten Landschaft des Nordens, möchte dem Leser in einer Zeit, in der der moderne Mensch immer mehr den Zugang zu allem Natürlichen und zur Natur als seiner elementaren Lebensgrundlage zu verlieren droht, die Schönheit und den großen Wert eben dieser Natur als eine existentielle Grunderfahrung wieder näher bringen. Unsere überzivilisierte und übertechnisierte Welt hat uns mehr und mehr von unseren natürlichen Wurzeln, von unserem Zusammenhang mit der Natur entfremdet. Und auch das hat dazu geführt, dass wir die Natur und unsere natürliche Umwelt in erschreckender Weise zu zerstören im Begriffe sind, ohne uns dabei wirklich bewusst zu sein, dass wir uns damit auch unsere Lebensgrundlage zerstören. Die Natur braucht uns Menschen nicht! Aber wir brauchen die Natur existentiell zum Leben und Überleben! Die Achtung und Ehrfurcht vor dem Leben ist weitgehend verloren gegangen. Aber sie ist eine Grundvoraussetzung, damit wir wieder lernen, mit unserer Umwelt verantwortungsvoll und verantwortungsbewusst umzugehen und unseren Kindern und Enkeln noch eine lebenswerte und erlebniswerte Erde zu hinterlassen!

Hier sollen zunächst einige Ausschnitte aus der berühmten Rede des Häuptlings Seattle an den Präsidenten der Vereinigten Staaten zum Nachdenken anregen. Diese Rede war dessen Antwort auf das Angebot der Ame­ri­ka­nischen Regierung, den Indianern ihr Land abzukaufen und ihnen da­für ein Re­ser­vat zur Verfügung zu stellen. Der ”Wilde”, wie er sich immer wieder in dieser Rede selbst bezeichnet, der den Weißen Mann nicht ver­steht, fragt unter ande­rem, wie er den Weißen überhaupt ”sein Land” verkaufen könne, wo doch das Land gar nicht den Menschen gehöre. Ihnen sei doch das Land von Gott nur zur Verfügung gestellt und zu verantwortungsvollem Umgang anvertraut worden. Lassen wir ihn selbst – wenigstens in kurzen Auszügen - zu Worte kommen:

 

 [...]. Ich weiß nicht - unsere Art ist anders als die eure (eine Phrase, die immer wiederkehrt). Der Anblick eurer Städte schmerzt unsere Augen. Vielleicht weil der Rote Mann ein Wilder ist und nicht versteht.

[...]. Was die Erde befällt, das befällt auch die Söhne der Erde ...

[...]. Er (der Weiße Mann)behandelt seine Mutter, die Erde und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen, wie Schafe oder glänzende Per­len. Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wü­ste. [...]. Was ist der Mensch ohne die Tiere? Wären alle Tiere fort, so stürbe der Mensch an großer Einsamkeit. Was immer den Tieren geschieht - geschieht bald auch den Men­schen. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser, Was immer Ihr dem Ge­webe antut, das tut ihr euch sel­ber an.

 [...]. Und wenn ihr den letzten Baum gefällt, das letzte Tier getötet habt, werdet ihr merken, daß man Steine/Geld nicht essen kann. .... ”

 

Diese kleine Schrift wurde von mir zur Vernissage der Ausstellung NORDISCHE  LANDSCHAFTEN im Pommernhus Greifswald, 2008, in der auch neben Gemälden von Johannes Kretschmer 28 meiner Fotos gezeigt wurden, zur Einführung gelesen

und sehr gut aufgenommen.

 

 

Die Landschaft der Stille

 

 

Seit 1989 dürfen wir am Vänern in Värmland/Schweden, dem größten See Schwedens und drittgrößten See Europas, ein kleines typisches schwedisches Sommerhäuschen unser Eigen nennen. Seit 1969 hat mich dieser eindrucksvolle See, der ja geradezu ein kleines Binnenmeer ist, in seinen Bann gezogen, seitdem ich einen Freund aus meiner Kindheit und Jugend, der eine Schwedin geheiratet hat, in Vänersborg besuchte. Nach und nach habe ich mir all die unterschiedlichen Landschaftszonen des Vänern erschlossen, seit 1986 auch mit unserem Kajak. So konnte ich auch viele der kleinen und großen Inseln entdecken. 1986 machte ich zusammen mit meiner Frau sogar eine fast halsbrecherische Überquerung an der schmalsten Stelle, wo sich die beiden Halbinseln Värmlandsnäs und Kallandsö mit dem königlichen Schloss Läckö gegenüberliegen. Das sind immerhin noch gut 30 km. Aber Värmlandsnäs vorgelagert befindet sich ja noch Lurös Skärgard, also die kleine Inselwelt um die Insel Lurö. Übernachtet haben wir im Zelt auf einer kleinen Insel vor Kallandsö und sind dann am nächsten Tag zurück gepaddelt. Immer wieder und auch bei dieser wunderbaren Bootstour überwältigt einen die wunderbare Stille, die uns die nordische Landschaft mit ihren unendlichen Wäldern und Seen schenkt

Die große Liebe zur Natur und die Sehnsucht nach Stille und einer Umgebung, die noch nicht ganz so von Menschen und Zivilisation verseucht und verdorben ist, hat uns 1989 wieder einmal dort hin geführt. Und eigentlich durch einen Zufall sind wir in jenem Sommer zu unserem Sommerhäuschen gekommen. Das wäre eine separate, originelle Geschichte, die aber hier zu weit und am Thema vorbei führe. Doch nach und nach empfand ich selbst diese schöne Gegend noch zu zivilisiert, da sich in der Zwischen­zeit mein Bedürfnis nach Einsamkeit und der Stille in der Natur immer häufiger Geltung verschafft. Von unserem Stützpunkt „Vassmyra“ aus, so heißt unser kleines Anwesen, haben wir immer wieder Er­kun­dungsfahrten in die nähere und weitere Umgebung gemacht, aber wirkliche Einsamkeit und Wildnis nicht gefunden. So habe ich mir schließlich die Schwedenkarte vorgenom­men und nachgeschaut, wo wohl die geringste Besiedlung in erreichbarer Nähe sein könnte, d.h. wo ich auf der Landkarte die wenigsten eingetragenen Straßen und Orte verzeichnet sah. Dabei sind wir in ein Gebiet gekommen, dass uns, aber ganz besonders mich, derart in seinen Bann geschlagen hat, dass ich immer wieder einmal dahin muss. Aber selbst diese Landschaft ist in der Zwischenzeit auch wieder ein „gutes“ Stück zivilisierter geworden. Das heißt, auch hier wurden neue Straßen gebaut oder auch nur alte Schotterpisten asphaltiert und neue Ferienhaussiedlungen angelegt! Ich komme später noch darauf zurück.

 

Un­ser erstes Erlebnis in und mit dieser Landschaft der Stille dort möchte ich jedoch kurz schildern, weil es zu den tiefsten und eindrucksvollsten meines Lebens gehört. Es ist fast ein Initiationserlebnis. So soll im Folgenden nun versucht werden, mit Text und Bild ein wenig von dem zu vermitteln, was uns hier an wunderbarem Erleben, an Momenten und Erfahrungen zuteil geworden ist

         Es war ein wunderschöner nordischer Sommertag mit strahlend blauem Himmel, als wir uns auf den Weg zu dieser Entdeckungsreise machten. Nur vereinzelt waren einige schöne Wolkenformationen zu sehen. Als wir diese auf der Landkarte nach den oben genannten Kriterien auserkorene Land­schaft aufsuchten, nämlich das Grenzgebiet von Nordvärmland, Dalarna und Norwegen, das etwa 300 km nördlich von Vassmyra gelegen ist, fuhren wir zunächst das Klarälvental hinauf bis zu ei­nem Städt­chen namens Sysslebäck. Der Klarälven ist ein etwa 450 km langer Fluss, der von Norwegen kommend bei Karlstad in den Vänern mündet. Bis Sysslebäck war es noch eine vergleichsweise zivilisierte und kulti­vierte Landschaft, also bei weitem nicht das, was wir suchten. Aber kurz hinter Syssle­bäck mussten wir dann schließlich nach Nordosten abbiegen in ein kleines Mittelgebirge. Und ganz abrupt, etwa ein km nach der Abbiegung, begann die Landschaft plötzlich wild und vor allem ganz still zu werden. Selbst durch den Autolärm unseres alten VW-Bullis „hindurch“ vermittelte sich uns diese sich plötzlich die gesamte Landschaft erfassende Stille. Nach wenigen km lief uns ein Elch über die Straße. Wir fuhren eine kleine Passstraße, eine bessere Piste hoch. Je hö­her wir kamen, umso stiller wurde alles und auf der Passhöhe weitete sich der Blick zusehends. Wir sahen glitzernde Seen unter uns zwischen den Bergen und den tiefen Wäldern liegen. Die Seen hat­ten pittoreske Formen mit zahlreichen kleinen Buchten und Inseln und Inselchen. Auf der anderen Seite des Passes kamen wir diesen wunderbaren Seen immer näher, bis wir schließlich die ersten erreichten und manch­mal dicht an ihren Ufern entlang fuhren. Sie waren oft von größeren, ganz ebenen Sumpf- und Moorflä­chen umgeben. Es ging kein Lüftchen, Himmel und Landschaft spiegelten sich in den stillen Wasserflä­chen. Wir kamen aus dem Staunen und der Begeiste­rung gar nicht heraus - nur das Fahrgeräusch unseres Wagens störte diese Stille. Schließlich kamen wir auf die glor­reiche Idee, endlich einmal anzuhalten, den Motor abzustellen und wirklich zu schauen und diese Welt der Stille und Schönheit auf uns wirken zu las­sen.

          Als wir den dröhnenden und lärmenden Motor endlich abgestellt hatten und aus dem Wagen stiegen, empfing uns eine Stille, die einfach unbeschreiblich war. Es war eine Stille, die wir schon während des Fahrens  g e s e h e n  und gespürt hatten, die sich uns aber erst jetzt in ihrer ganzen Erhabenheit, in ihrer alle Sinne erfüllenden In­tensität und Schönheit offenbarte. Es war eine Stille, die man mit allen Sinnen er­fahren musste, die man  s a h , die man h ö r t e  und f ü h l t e  und die man atmete - - - . Mehrere Minuten lang konnte keiner von uns beiden sprechen. Als wir schließlich das Bedürfnis verspürten, einander etwas von der ungeheuren Ergriffenheit mitzuteilen, die uns erfüllt, ja geradezu überwältigt hatte, begannen wir tatsächlich unwillkürlich, als wäre es verabredet worden, im Flüsterton zu sprechen, um diese erhabene Stille nicht zu stören. Mir kam dabei als Assoziation ein Bibelverses aus dem alten Testament in den Sinn: “Ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, auf dem du stehst ist heilig!“ - - - . Die Inseln und Ufer mit ihren Stei­nen und Bäumen spiegelten sich im Wasser. In den stillen Sumpfflächen standen ver­einzelt kleine verkrüppelte Bäumchen, meist waren es Birken oder auch Kiefern. Das Wasser selbst war, dort wo man hinein se­hen konnte, braun getönt von den Zuflüssen aus den umliegenden Sümpfen und Mooren.
Natürlich blieben wir mehrere Tage in dieser wunderbaren Landschaft - solange es das schöne Wetter zugelassen hatte. Und das war uns gnädig! Unser Kajak ermöglichte ein Übriges, uns diese Landschaft und ihre Stille wirklich zu erschließen. Wir paddelten auf den verschiedenen Seen und Verbindungswasserläufen, entdeckten so stille Inseln und zahlreiche Buchten, einsame Flussläufe, sahen die verschiedensten Wasservögel und hin und wieder auch einmal eine Biberburg. Manche dieser Buchten waren großflächig von Schilf bedeckt. In vom Schilf freieren Bereichen fanden sich wunderbare Teppiche von Wasserblumen, wie Seerosen und Seeanemonen. Gelegentlich flogen mal ein Kranichpaar, mal ein einsamer Fischreiher auf, oder eine Familie Enten oder Wildgänse meinte, sich vor uns in Sicherheit bringen zu müssen. Manchmal sahen wir tagelang keine Menschen, nur versteckt an den Ufern ab und zu eines der typischen, rot-weißen schwedischen Sommerhäuschen dicht am Ufer zwischen den Bäumen und ein Boot davor liegen.

       Aber auch zu Fuß haben wir uns diese Landschaft ein wenig erschlossen. Die doch teilweise sehr unwegsamen Waldgebiete dort sind oft von großen, gelegentlich gewaltigen Steinen durchzogen, die häufig von dichtem Moos überwachsen sind. Das sind typische Relikte der letzten Eiszeit, die ja die Nordische Landschaft maßgeblich geprägt hat und ihr auch etwas Urtümliches und Abweisendes verleiht. Auf einem unserer Erkundungsgänge haben wir sogar Luchsspuren entdeckt, hatten jedoch das „Glück“, dass uns eine Begegnung mit Bären, die es dort auch gibt, erspart geblieben ist, denn wir hätten nicht gewusst, wie wir uns dann hätten verhalten sollen. Bei einem meiner späteren Besuche dort hatte ich eines frühen Morgens sogar das große Glück, das eindrucksvolle Geheule von Wölfen hören zu dürfen. Ein Wildhüter, den ich dort bereits seit einigen Jahren angetroffen und mich mit ihm ein wenig angefreundet hatte und der dort auch gerade in seinem Wohnwagen campierte, bestätigte mir, dass es tatsächlich Wölfe waren, die ich hörte. Es ist schon etwas Besonders, so weit in die Natur vorgedrungen zu sein, dass einem ein solches Erlebnis zuteil wird.

 Einen ganz besonderen Eindruck haben die Abende mit ihrer traumhaften Atmosphäre von heiliger Stille und Ruhe hinterlassen. Es wurde ja auch nicht annähernd dunkel um diese Jahreszeit so weit im Norden. Dem Abendlicht der untergehenden Sonne folgte eine fahle Blässe. Einzelne kleine Wölkchen und Wolkenschleier standen noch am Himmel. Jeglicher Wind hatte aufgehört. Kein Lüftchen regte sich. Die Wasserflächen lagen in betörender Stille vor uns. Himmel und Landschaft spiegelten sich in wunderbarer Klarheit in der still ruhenden Fläche. Dann und wann wurde diese Stille, die uns umgab, nur von einem Vogelruf durchbrochen, um danach wieder umso stärker zu wirken. Be­grenzt wurde die Szenerie von den stillen und dicht bewaldeten Bergen und dem darüber gewölb­ten Himmel mit den für die nor­dische Landschaft so typischen ho­rizontalen Schichtungen der Wolken, die die Tiefe und Weite der Landschaft noch steigerte. Wir verbrachten mehrere Tage in diesem wunderbaren Gebiet an verschiedenen Seen mit ihren einsamen kleinen Buchten. Besonders die Abende, an denen es ja um diese Jahreszeit kaum dämmrig, aber von der Atmosphäre noch stiller wurde, sind kaum zu beschreiben. So wurden immer wieder verschiedene Rufe der Wasservögel über die stillen, nächtlichen Wasserflächen getragen. Besonders eindrucksvoll ist der wunderbare, tragende Klang des Rufes der Kraniche, der mich immer wieder an eine Mischung von Klarinette und Oboe erinnert. Es ist ohnehin etwas Eigenartiges, dass nachts die Stimmen und Klänge in der freien Natur, besonders aber im Wald und über dem Wasser, viel lauter, klarer und klangvoller zu vernehmen sind, als tagsüber. Man glaubt fast, in einem unermesslich großen Kirchenschiff zu sein, in dem die Geräusche und Töne in majestätischem Nachklang langsam verebben. Und dennoch: selbst diese Stimmen und Klänge sind Teil der Stille, denn Stille muss nicht nur Lautlosigkeit sein, sondern sie ist zugleich die völlige Abwesenheit von Lärm, von Hektik und Unruhe – kurz von Zivilisation. Und so können diese Laute der Natur damit bereits Stille sein, denn sie ist zugleich etwas Atmosphärisches. Bereits gegen zwei Uhr morgens ging diese fahle Blässe langsam in ein Morgenrot über, und die sonne ging wieder auf, und es begann ein neuer Tag.

          Dies sind Erlebnisse, die einzigartig und einmalig sind. Sie lassen sich nicht wiederholen. Auch jede Beschreibung und die vielen wunderbaren Fotos, die ich dort habe machen dürfen, die mir diese Landschaft geradezu aufgenötigt hat, sind nur ein armseliger Ersatz für die lebendige Wirklichkeit, für das Erleben des einmaligen und unwiederholbaren Augen­blicks. Und dennoch: trotz dieser „klugen“ Einsichten ertappe ich mich immer wieder dabei, in Nordvärmland diese Erlebnisse wieder zu suchen, ja sie wieder herbeizwingen zu wollen! Aber ich, und auch man, sollte sich vorsehen, dabei nicht in eine Falle zu geraten, die übertragen dann etwa dem gleicht, was Kleist in seinem Aufsatz „Über das Marionettentheater“ oder Oscar Wilde in seinem „Das Bildnis des Dorian Gray“ beschrieben hat. Das Erlebnis kann dann nämlich sehr leicht zu einer verzerrten Farce dieses ihm zugrunde liegenden einmaligen und unwiederbringlichen Augen­blicks entarten!

           

Aber selbst diese Landschaft hat sich in den letzten Jahren zusehends durch den Eingriff des Menschen auch verändert. Nirgends bleibt er einmal bescheiden und ehrfürchtig am Rande stehen und schaut und bewundert. Allem Natürlichen muss er sein Bild, seine Vorstellung aufzwingen. Alles muss er nach seinen Vorstellungen und Bedürfnissen nutzen, verwerten und gestalten und damit so häufig auch zerstören! Jetzt sind auch hier die Wege weitgehend asphaltiert. Und verbesserte Infrastruktur zieht bekanntlich unweigerlich Menschen und damit Verkehr und Lärm nach sich. So sind in der Zwischenzeit eine Anzahl Siedlungen mit Sommerhäusern entstanden. Einiges von dieser überwältigenden Schönheit, Stille und Erhabenheit ist verloren gegangen.

 

     Hier soll nochmals kurz an eine Bemerkung vom Anfang angeknüpft werden, in der davon die Rede war, dass so manch ein zivilisierter Mitteleuropäer gerade diese Stille mittlerweile als Bedrohung oder als beklemmend empfindet. Schon unser kleines Sommerhäuschen wurde von einigen unserer deutschen Gäste gelegentlich als zu einsam und zu ruhig gelegen, die eben beschriebene Landschaft gar als lebensfeindlich und abstoßend empfunden. So weit sind mittlerweile wohl die meisten Menschen von der Natur entfernt und entfremdet und aus dem ursprünglichen Einklang mit der Natur herausgerissen, dass sie diese Stille gar nicht mehr als ein tief beglückendes Erlebnis erfahren können. Einklang aber heißt hier ja nicht Konfliktfreiheit, sondern letztendlich untrennbare Verbindung mit und ein Angewiesensein auf die Natur. Und diese Einsamkeit, von der hier die Rede war, ist eigentlich nur eine Abgeschiedenheit vom Alltäglichen, von der Überreizung durch die Zivilisation, die Möglichkeit zum Einswerden mit der Natur. Wirklich einsam ist man vielmehr unter Millionen Menschen einer Großstadt.

           

     An dieser Stelle soll abschließend mit zwei Gedichten von R. M. Rilke noch einmal das Wesen dessen verdeutlicht werden, worum es mir im tieferen Sinne geht, was ich immer wieder suche, was aber immer auch von uns Menschen bedroht ist. Und Rilke hat, wie so manch anderer großer Künstler und „Wissender“ die „Dinge“ tiefer geschaut und wahrgenommen, als es dem „normalen“ Menschen gegeben ist. Und dennoch habe ich es in dieser wunderbaren Landschaft für einen Augenblick - zugleich aber auch für mein ganzes Leben - gefunden, denn Bild und Erlebnis als ein Abglanz der reinen Schönheit und Erhabenheit der Natur haben sich mir tief eingeprägt:

 

 

1. Von der Armut und dem Tode – 1903  (S. 101 und 119)

 

Die Städte aber wollen nur das Ihre

und reißen alles mit in ihrem Lauf.

Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere

und brauchen viele Völker brennend auf.

 

Und ihre Menschen dienen in Kulturen

und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß

und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren,

und fahren rascher, wo sie langsam fuhren,

und fühlen sich und funkeln wie die Huren,

und lärmen lauter mit Metall und Glas.

 

Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte,

sie können gar nicht mehr sie selber sein,

das Geld wächst an, hat alle ihre Kräfte,

und ist wie Ostwind groß, und sie sind klein

und ausgeholt und warten, daß der Wein

und alles Gift der Tier- und Menschensäfte

sie reize zu vergänglichem Geschäfte.

 

 

2 Aus dem Stundenbuch - 1899 - 1901  (zitiert nach „Rainer Maria Rilke – Gesammelte Gedichte, Insel-Verlag, Frankfurt/M 1962, S. 52)

 

„Du dunkler Grund, geduldig erträgst du die Mauern.

Und vielleicht erlaubst du noch eine Stunde den Städten zu dauern

und gewährst noch zwei Stunden den Kirchen und einsamen Klöstern

und lässest fünf Stunden noch Mühsal allen Erlöstern

und siehst noch sieben Stunden das Tagwerk des Bauern - :

 

Eh' du wieder Wald wirst und Wasser und wachsende Wildnis

in der Stunde der unerfasslichen Angst,

da du dein unvollendetes Bildnis

von allen Dingen zurückverlangst.“

 

 

 

-------------------------

 

 

 

 

Ohne Worte
Ohne Worte
Das Ende der Nacht ist der Anfang des Tages
Das Ende der Nacht ist der Anfang des Tages
MEIN BUCH "FLUCH UND SEGEN"
MEIN BUCH "FLUCH UND SEGEN"

 

Die Thematik meines Buches „Fluch und Segen des Fortschritts oder die Bedrohung der Schöpfung“, ISBN 978-3-9812309-1-8, ist mir seit Jahr- zehnten ein wesentliches Anliegen. Als verantwortungsbewusster und -voller Zeitgenosse habe ich es aus großer Sorge und Betroffenheit über den Zustand unserer Erde und aus großer Sorge um die kommenden Generationen geschrieben. Dankenswerterweise hat mir Prof. Michael Succow, Träger des Alternativen Nobelpreises 1997, ein eindringliches Geleitwort geschrieben, weil er die Veröffentlichung damit fördern wollte! Nähere Infos hier der Unterseite „Fluch und Segen -mein Buch“


Auf dem See
Auf dem See
Meeresstille
Meeresstille
Selbstbildnis
Selbstbildnis
Der stille See
Der stille See
Spiegelunegn am kleinen See
Spiegelunegn am kleinen See
Herbstlaub
Herbstlaub
herbstliche Strukturen
herbstliche Strukturen

BestellNr CHK-054

Der "Gordische Knoten" - ein Purzelbaum der Natur!
Der "Gordische Knoten" - ein Purzelbaum der Natur!
Slulptur in Rotterdam - 1961
Slulptur in Rotterdam - 1961
Apokalypse now!
Apokalypse now!

Die folgenden Fotos lassen sich durch Aklicken vergrößern